Regula Heinzelmann

22. Dezember 2020

 Der Weihnachtsstreik

 Am Morgen des 25. Dezember 2020 erwachte der Schweizer Bundesrat Alain Berset, weil ein sonderbares Geräusch an seine Ohren drang. Es klang wie Gluckern und Plätschern. „Wer macht denn da so komische Geräusch an Weihnachten am Morgen in der Früh“, dachte er empört, „jetzt wo ich mich von meiner anstrengenden Regierungsarbeit endlich mal etwas erholen könnte.“ Immerhin ist er der Vorsteher des Innendep - Departement des Innern (EDI) – und hat als solcher die ganze Corona-Geschichte am Hals. Er rutschte aus dem Bett – am Boden hatte sich Wasser ausgebreitet – und tapste aus dem Schlafzimmer. Es war draussen noch stockdunkel. Er versuchte, Licht anzumachen, es funktionierte nicht. Eine Taschenlampe hatte er immer griffbereit und so konnte er nachschauen, was los war. Am Boden breitete sich Wasser aus, offensichtlich war eine Wasserleitung geplatzt. „Merde“, schimpfte er, das klingt auf Französisch hübscher als in deftigem Schweizerdeutsch. Er griff zum Telefon und wählte die nächstbeste Notfallservice-Nummer.

 Bienvenue“, willkommen, ertönte eine liebliche Stimme. „Die Politiker und viele Bürger wollen es so, wir sind im Lockdown und bleiben zu Hause. Bitte melden Sie sich wieder, wenn dieser vorbei ist. Joyeux Noël!“ – „Einige Leute haben einen sonderbaren Humor“, dachte Berset und wählte die nächste Nummer. Da meldete sich eine energische Stimme: „Hallo, wir streiken. Wir geben den Leuten, was sie wollen: Den totalen Lockdown! Viel Spass!“ Immer nervöser suchte Berset nach weiteren Notfallnummern, aber überall kamen ähnliche Erklärungen, man bleibe zu Hause, man streike, wenn schon Lockdown, dann konsequent, man stehe in nächster Zeit nicht zur Verfügung und so weiter. Am Schluss versuchte er es bei der Polizei, dort kam nur das Besetztzeichen.

 Inzwischen war Bersets Frau auch aufgestanden. Im Schlafrock und Pantoffeln schlurfte sie in die Küche und wollte Kaffee machen. Natürlich funktionierte die Kaffeemaschine nicht. Sie suchte nach Instantkaffee, fand aber keinen. „Alain, wo bekommen wir jetzt einen Kaffee her? Die Läden haben ja geschlossen“, brummte sie verdriesslich. „Du mit deinem Kaffee, das ist jetzt wirklich nicht so wichtig. Einen Handwerker brauchen wir, aber keiner ist zu erreichen. Die behaupten alle, dass sie streiken oder wegen Corona zu Hause bleiben. Die können später was erleben… Ich ruf mal meine Kollegen und Kolleginnen an.“ Er begann mit A also bei der Panzer-Viola Amherd. Sie war auch gleich am Apparat. „Gut, dass Du anrufst“, meinte sie, „ich hätte jetzt gleich dem Cassis telefoniert. Wir haben Wasserschaden und keinen Strom und das Internet funktioniert auch nicht richtig, ist etwa ein Krieg ausgebrochen?“ Das war ihr erster Gedanke gewesen, schliesslich ist sie ja Vorsteherin des Departementes für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport und hat als solche auch das Militär unter sich. „Krieg, wer sollte das denn jetzt machen und gerade an Weihnachten?“ fragte Berset. – „Vielleicht Erdogan, um die westliche Welt zu schikanieren, Putin oder Donald, aus Frust wegen der Wahlen.“ – „Glaube ich nicht, eins muss man dem Donald lassen, er hat keinen Krieg geführt.“ Als SP-Mann ist Berset gegenüber Trump natürlich kritisch. „Über diese Wahlfälschungen bekommt man ja auch keine objektiven Informationen“, meinte Viola Amherd. „Die einen Redaktionen sind gegen Trump, die anderen für ihn und alle informieren nur über das, was ihnen in den Kram passt.“ – „Mag sein, aber lassen wir das jetzt. Wir müssen sehen, dass wir Wasser, Strom und das Internet in den Griff kriegen. Die Notfalldienste sind alle nicht verfügbar, sie streiken angeblich wegen der Corona-Massnahmen. Ist das bei euch auch so?“ – „Ja, das habe ich auch schon festgestellt“, meinte Viola.

 lötzlich ertönte ein sonderbares Surren vor dem Fenster vor Bersets Haus, dazu ein Weihnachtslied. Alain guckte aus dem Fenster und sah ein merkwürdiges Fluggerät. Es sah aus wie eine Riesendrohne mit vier Antrieben unten und hatte eine Aufschrift „Renne électronique de Saint Nicolas“ (Elektronisches Rentier von St. Nikolaus). Alain erschrak und beendete rasch sein Telefon mit Viola. Er dachte an ein Attentat, verrückte Querdenker, Terroristen … „Da trat ein Mann durch die Haustür“. Er war gross und kräftig, trug einen Blaumann und einen Koffer, wirkte aber nicht wie ein Handwerker, sondern eher majestätisch. „Keine Angst“, sagte er mit tiefer, angenehmer Stimme, „es ist nicht so, wie Du fürchtest, Alain.“ – „Woher wollen Sie denn wissen, dass ich mich fürchte“, fragte Alain verdutzt, „und wie kommen Sie überhaupt hier herein? Und per Du sind wir schon gar nicht!“ – „Ich bin der Abgesandte von Saint Nicolas für die welsche Schweiz und mit jedem per Du“, erklärte er ruhig. „Und was Du vorher gedacht hast, das kann ich mir vorstellen, dafür braucht man nur ein bisschen Menschenkenntnis.“ – „Na, einen Abgeordneten von St. Nicolas habe ich mir immer anders vorgestellt.“ - „Aha so mit Rauschebart und rotem Mantel und Rentierschlitten, so trete ich manchmal für Kinder auf, aber heute habe ich es mit Erwachsenen zu tun.“ – „Eigentlich kommen Sie ja wie gerufen“, sagte Berset etwas ruhiger, „Sie können gleich den Wasserschaden hier reparieren und dafür sorgen, dass der Strom wieder funktioniert, Sie bekommen eine gute Spende. Und meine Kinder würden Sie sicher auch gern kennenlernen.“ - „Die Kinder lassen Sie besser schlafen. Um lange zu bleiben, habe ich jetzt keine Zeit, ich muss noch deinen Kollegen Parmelin und einige kantonale Politiker besuchen. Der Schaden ist eine Strafe, Anordnung von Saint Nicolas. Du musst erst deine Fehler bereuen, dann komme ich wieder vorbei.“

 Der Abgesandte entnahm seinem Koffer eine Akte und drückte sie Berset in die Hand. „Das liest Du jetzt alles durch“, sagte er. „Du hast ja einiges während der Corona-Zeit auch einiges gut gemacht, z.B. unbürokratische Hilfe für die Wirtschaft, das steht hier auch drin. Aber trotzdem machst Du jetzt die Fehler von Frau Merkel nach, und mit der hat mein Kollege in Deutschland ein grosses Huhn zu rupfen. Dort streiken die Handwerker auch. Es geht nicht, dass man mit übertriebenen Massnahmen die KMU ruiniert. Der Mittelstand ist die Stütze der Wirtschaft, das macht man euch jetzt klar.“ – „Aber ich muss doch die Leute schützen und jetzt gibt es auch noch diese neue, besonders ansteckende Mutation“, meinte Alain etwas kleinlaut. „Schon gut, lies alles durch, und im Laufe des Tages kommen meine Gehilfen und reparieren alles. So wie dir geht es heute allen deinen Bundesrats-Kollegen und Kolleginnen. Und in Zukunft, nehmt auf den Mittelstand Rücksicht. Auch Wirtschaftskrisen schaden der Gesundheit, darüber findest Du im Dossier einige Informationen. Au revoir.“ Und der Abgesandte setzte sich wieder in sein elektronisches Rentier und flog zu Guy Parmelin, Vorsteher des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF). Ihn warnte er vor einer Wirtschaftskrise, die auch die Gesundheit der Bevölkerung schädigen würde, und forderte ihn auf, dafür zu sorgen, dass man gegen Corona nicht nur Impfstoffe, sondern auch wirksame Medikamente entwickeln solle. „Schliesslich habt ihr ja genug chemische Industrie in der Schweiz“, meinte er. Überlasst es dann aber bloss nicht wieder den Chinesen, diese Diktatur wird schon genug gemästet durch Innovationen und Firmen, die ihnen westliche „Manager“ aus Geldgier in den Rachen werfen. Wenn Du es ernst meinst mit Freiheit und Demokratie, dann unternimm etwas dagegen!“

 Inzwischen war der Abgeordnete des Sankt Nikolaus für die Deutschschweiz und das Tessin, der sich auf Schweizerdeutsch „Samichlaus“ oder baseldytsch „Santiglaus“ nennen darf, auch nicht untätig gewesen. Er hatte auch schon einige Mitglieder des Bundesrates besucht. Simonetta Sommaruga, Vorsteherin des Eidgenössischen Departementes für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK hatte auch verschiedene Notfallservice-Nummern angerufen und überall die gleichen Tonbandansagen bekommen wie Berset. Sie überlegte sich, was wohl die Konsumenten denken sollten, immerhin war sie früher mal Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz und fühlte sich dafür immer noch für Konsumentenrechte verantwortlich. „Seit dreissig Jahren ist die Schweiz nun weltführend in Umwelttechnik“, erklärte ihr der Samichlaus, „und nun fällt euch nichts gescheiteres ein, als die umweltfreundlichen Unternehmen noch mehr zu schwächen durch hohe CO2-Abgaben. Effektiver wäre es dafür zu sorgen, dass weltweit jedes Unternehmen über Umwelttechnik wie Kläranlagen und Luftreinhaltung verfügen kann, so weit ist man nämlich noch lange nicht. Das CO2-Gesetz wird bei der Abstimmung hoffentlich wuchtig verworfen. Und keine Sorge, die normale Bevölkerung verfügt über Strom, diese Aktion machen wir für Politiker.“ Und zur Information drückte er ihr ein dickes Dossier in die Hand über Umweltmissstände weltweit und eine Analyse über Energie, die bei unnötigen Warentransporten verpufft, immerhin braucht so ein Containerschiff gut und gern 10´000 Liter Schweröl pro Stunde.

 Ueli Maurer vom Finanzdepartement bekam vom Samichlaus eine Analyse über die Auswirkungen der Coronakrise auf die Volkswirtschaft. „Ich weiss schon“, erklärte der Samichlaus, „dass deine Partei, die SVP, versucht unnötige Massnahmen zu verhindern. Warum soll man beispielsweise Restaurants mit Schutzkonzepten schliessen? In Deutschland zeigte sich, dass das nichts nützt. Und wie soll man sich in einem Kino anstecken? Die meisten Vorstellungen sind gar nicht ausverkauft und am Nachmittag ist so ein Saal meistens fast leer.“ Er hätte leider keine Zeit, ins Kino zu gehen und kenne daher die Verhältnisse nicht, entschuldigte sich Ueli Maurer. „Schon gut“, meinte der Samichlaus, „lies dein Dossier, dann kommen meine Gehilfen und reparieren.“

 Als der Samichlaus bei ihr auftauchte überlegte Karin Keller-Suter, die Vorsteherin des Justiz- und Polizeidepartement (EJPD), gerade ob man Streiks von Notfalldiensten verbieten könne. Immerhin gilt in der Schweiz das Prinzip des „Arbeitsfriedens“ und Streiken ist allgemein verpönt. „Ich weiss, was Du denkst“, sagte der Samichlaus zu ihr, „vergiss es, das ist kein gewöhnlicher Streik, da kannst Du nichts verbieten. Den hat mein Chef der Sankt Nikolaus arrangiert und zwar europaweit, um den Politikern für ihre Fehler einen Denkzettel zu verpassen. Keine Angst, ihr werdet es alle gesund überstehen, der Sankt Nikolaus ist kein Diktator.“ Er erinnerte Frau Keller-Suter daran, dass es nach der Schweizer Verfassung einen Schutz der Privatsphäre gibt. Sie könne auch bei einer Pandemie den Leuten nicht vorschreiben, wie viel Besuch sie einladen dürfen. Und überhaupt, sie solle die Bevölkerung dazu auffordern, Eigenverantwortung zu übernehmen. Distanz halten, wenn nötig Masken tragen und Oberflächen desinfizieren könnte ja nicht so schwierig sein.  

 Eine scharfe Kritik vom Samichlaus musste Ignazio Cassis einstecken, der Vorsteher des Departementes für auswärtige Angelegenheiten und zwar wegen des Rahmenabkommens, das die EU seit Jahren von der Schweiz zu erpressen versucht. „Nimm dir ein Beispiel an Primeminister Johnson, der will lieber keinen Deal als faule Kompromisse“, befahl der Samichlaus. „Wir brauchen aber den Handel mit der EU“, meinte Cassis kleinlaut, „besonders jetzt.“ – „Und was meinst Du, was die EU braucht?“ Ihr seid der drittwichtigste Handelspartner der EU. Und die meisten EU-Staaten haben auf das BIP berechnet doppelt oder dreimal so viele Staatsschulden, die können sich keinen Streit mit euch leisten. Und was soll überhaupt ein Vertrag, der eure berühmte Demokratie ad absurdum führt? Was sollen Volksentscheide, wenn die EU diese nachher vor Schiedsgericht anfechten kann? Vergiss diesen Vertrag, an der Abstimmung gibt es eh ein wuchtiges Nein und Du blamierst dich.“ Der Samichlaus reichte Cassis ein dickes Dossier mit Statistiken und befahl ihm die neueste Variante des Vertragsentwurfes zu lesen. „Du hast dem Volk versprochen, dass Du die Verhandlungen mit der EU auf Null setzen willst, nun halte das auch.“ Dann flog er ab.

 Inzwischen besuchten die Abgeordneten vom Sankt Nikolaus alle führenden Europäischen Politiker. Bei den meisten plätscherte auch das Wasser, sie hatten keinen Strom und die Handwerker streikten. Besonders bemerkenswert war der Besuch des Deutschen Weihnachtsmannes bei Angela Merkel. „Ja wenn Du Deutscher bist, musst Du meine Anweisungen befolgen und sofort meinen Wasserschaden reparieren und für Strom sorgen“ erklärte Angela ihm. „Umgekehrt, das Volk ist dein Souverän, alle Macht geht vom Volke aus. Das steht so im Grundgesetz, das Du und dein Parlament am 18. November mindestens teilweise ausser Kraft gesetzt habt. Deswegen besuche ich jetzt alle Abgeordneten, die dem zugestimmt haben, deine Minister und noch einige andere Politiker. Haben alle einen Wasserschaden und keinen Strom. Nicht zuletzt dieser Michael Müller, der friedliche Demonstranten in der Kälte mit Wasser bespritzen liess, bei dem fliesst Eiswasser. Und bei einigen Richtern werde ich auch noch aufkreuzen. Nun ihr werdet es alle gesund überleben. Das ist die Anweisung von unserem Chef, dem St. Nikolaus, der ist kein Tyrann und ich bin es auch nicht. Gleichzeitig werden meine Gehilfen die Kinder bescheren. Und nun tschüss, ich muss weiter.“ Der Weihnachtsmann verliess das Haus, bestieg seine Drohne und flog ab. Er liess Angela und ihren Joachim völlig entgeistert zurück und suchte Söder auf, der über Weihnachten in Quarantäne sitzen musste. „Das ist nun die Strafe dafür, dass Du dein Volk einsperren wolltest“, erklärte ihm der Weihnachtsmann, „keine Angst, schlimme Folgen wird das nicht haben. Dafür hast Du keinen Wasserschaden wie deine Kollegen, nur Stromausfall, damit Du jetzt in Ruhe dieses Dossier durchlesen kannst.“ Er drückte ihm dieses in die Hand und flog ab.

 Den ganzen Weihnachtstag besuchte der Weihnachtsmann die Deutschen Minister, die 413 Parlamentarier, die am 18. November Ja gestimmt hatten, andere Politiker und Richter, die Fehlurteile gefällt hatten. Einige sahen ihre Fehler ein und der Weihnachtsmann konnte gleich seine Gehilfen vorbeischicken und die Schäden reparieren lassen. Bei einige dauerte es tage-, ja wochenlang. Bei Angela Merkel weiss man nicht so genau, ob es in ihrem Haus immer noch gluckst und plätschert und Stromversorgung und Heizung nicht funktionieren. Sie hatte im Januar einige Male im Kanzleramt übernachtet, erklärte aber, sie hätte so viel zu tun. Was, das wird man sehen.


Der reale Hintergrund

Der Lockdown schadet dem Mittelstand, ohne dass der Virus deswegen weniger verbreitet wird. Internationale Vergleiche der Statistiken zeigen, dass Länder mit harten Massnahmen keineswegs besser dastehen als Völker, die auf Eigenverantwortung setzen:

https://www.europa-konzept.eu/aktuelle-texte/corona-comparison-internationally/

Der echte #Katastrophenfall wird die Wirtschaftskrise sein, für die die Voraussetzungen schon lange vor Corona bestanden. Auch Krisen schaden der Gesundheit der Bevölkerung, Informationen hier:

https://www.europa-konzept.eu/aktuelle-texte/corona-und-wirtschaft/

Der Mittelstand ist die Stütze der Wirtschaft und muss sich wehren. Folgenden Text habe ich VOR Corona geschrieben, aber jetzt erst recht!

https://www.europa-konzept.eu/aktuelle-texte/unternehmerstreik-jetzt/