Film mit der Originalgeschichte: Der Münchner im Himmel

 https://www.youtube.com/watch?v=VvdEgkqei6c

DIE RÜCKKEHR DES ENGELS ALOISIUS

Variante von Regula Heinzelmann

8. Februar 2021

 Nach einem Thema von Ludwig Thoma

 Die Kellnerin Kathi betrachtete den älteren Mann im wallenden weissen Gewand und Engelsflügeln, der in einer Ecke des Hofbräuhauses sass. Seit dem ersten Februar arbeitete Kathi jetzt da. Sie hatte lange eine Stelle gesucht und war froh, diese gefunden zu haben. Dementsprechend gab sie sich Mühe. Aber dieser Gast irritierte sie. Er sass jeden Morgen wenn sie kam schon da, als hätte er hier die Nacht verbracht. Jeden Tag trank er mehrere Mass, ass morgens eine Weisswurst und abends Schweinebraten oder sonst etwas Deftiges. Immer trug er das Engelskostüm. Zuerst hatte sie ihn für einen Faschingsfanatiker gehalten, aber langsam zweifelte sie daran. Vielleicht war er auch geisteskrank oder Mitglied einer obskuren Sekte. Nie hatte sie gesehen, dass jemand bei ihm einkassierte. Er war wohl Stammgast mit Kredit und sie hatte sich nie getraut, ihm eine Rechnung zu präsentieren. Er sass einfach da, und man bediente ihn als wäre das schon seit langer Zeit so gewesen.

Heute hatte Kathi den Tisch des seltsamen Mannes zugeteilt erhalten. Deswegen stellte sie zusammen, was er im Februar konsumiert hatte, ging hin und sagte: „Darf ich dem Herrn die Monatsrechnung präsentieren?“ – „I bi koa Herr. Aloisius ist mei Name, Engel Aloisius.“ – „Gut, Herr Engel, darf ich einkassieren. 345 Euro.“ – „Euro? Was soll dös sei?“ Kathi dachte, der Mann sei wohl ein Spinner sei und bemühte sich ruhig zu bleiben. „Euro. Die neue Währung.“ – „Mal schaugn, wo hab’ i denn mei Göld?“ Er wühlte in den Falten seines Engelsgewandes und zog statt einer Geldbörse einen zerknitterten Brief hervor. „Jo mei, der Brief“, sagte er erschrocken, „den muss i ja rasch der bayrischen Regierung bringen in allerhöchstem Auftrag. Aber Göld hat man mir kaans mitgeben. Typisch!“ Sie überlegte, ob sie gleich die Polizei rufen oder vorher noch die Geschäftsleitung informieren sollte.

Andere Gäste waren auf die Szene aufmerksam geworden und standen um den Tisch herum. „Der spielt seine Rolle gut“, meinte eine Dame. Ein fescher junger Bursche zwinkerte Kathi zu und meinte: „Wenn Sie Hilfe brauchen sollten, bin immer zur Stelle.“ Ein älterer Herr war herangetreten und betrachtete mit Kennerblicken den Brief: „Altes kostbares Briefpapier, handgeschöpft. Darf ich? Ich bin Antiquitätenhändler und immer an originellen Sachen interessiert.“ Er nahm den Brief. Kathi betrachtete ihn auch und meinte: „So a Gekritzel! Das kann ja kaaner lesen.“ – „Das ist Sütterlinschrift.“ – „Habe ich in der Schule noch gelernt“, sagte eine ältere Dame. Sie las: „Die göttlichen Ratschläge an die bayrische Regierung.“ – „Die sollten’s besser glei nach Berlin bringen“, meinte eine andere Dame. „Die ham’s nötiger.“ – „Nach Berlin? Dem Kaiser?“ fragte Aloisius. „Da schickens sicher a Breiss hin.“ - „Kaiser? Der ist doch 1918 zurückgetreten. In welcher Zeit leben Sie denn?“ – Aloisius war nun etwas zornig geworden. „Wir ham jetzt 1904. Woher wollen’s wissen was 1918 passiert, Sie Grünschnabel Sie?“ – „Wir haben heute den 29. Februar 2004“, erklärte Kathi ruhig. „2004, zwoatausendvier, wos?“ fragte Aloisius irritiert. „Das Jahr 2004!“ – „Was – dann wär’i ja hundert Jahr hier gsessn. Was mach’ i jetzt nur? St. Petrus, wenn das erfährt, der schickt mi glei zum Deifi.“ Er seufzte laut. „Hundert Jahr’ und i hab gar nicht gmerkt was passiert is. Was kam denn nach dem Kaiser?“ – „Die Weimarer Republik. Und dann der Hitler“, erklärte der Antiquitätenhändler. „Hitler? War das nicht der, der hier manchmal so politische Reden gröhlt hat“, fragte Aloisius. „Und nachher ham alle brüllt Heil Hitler!“  - „Ja richtig, Sie erinnern sich ja gut. Hitler hat einen Krieg geführt.“ – „Krieg? Das war die Zeit wo immer so ein Lärm war und Feuer. Und den Krieg ham mer g’wonnen?“ – „Verloren“, erklärte der Antiquitätenhändler. „Und nachher?“ – „Da bekamen wir eine Republik.“ – „Wer regiert die?“ – „Im Moment der Kanzler Schröder.“ – „Und der murkst herum mit seinen Reformen. Der könnt’ wirklich göttliche Ratschläge brauchen, da haben’s recht gnädige Frau“, meinte ein anderer Herr zu der Dame, die diesen Vorschlag zuerst gemacht hatte.

Zufällig war der Engel Gabriel inkognito anwesend. Er kam direkt vom weissen Haus, wo er versucht hatte, den Präsidenten Georg W.  Bush zum Rücktritt zu überreden. Natürlich erfolglos. Gabriel war müde und verärgert. Um sich wenigstens am  Sonntag eine Erholung zu gönnen hatte er in München Halt gemacht. Zuerst hatte er die Messe besucht. Nachher war er hergekommen um Weisswürste zu essen und ein gutes Glas Bier zu trinken. Natürlich hatte er gleich erkannt, dass es sich bei dem seltsamen Gast um einen Engel handelte.

Als er von dem Brief mit den göttlichen Ratschlägen hörte, trat er heran und fragte Aloisius nach Namen und Lebensdaten: „Alois Hingerl hob i gheissen auf Erden“, antwortete dieser, „geboren war i am 1. April 1857 in München, gsturbn am 24. August 1904, auch in München.“ Gabriel zückte sein Handy und verlangte St. Petrus zu sprechen. „Der hat zu tun“, meinte Engel Sekretärin, „und im Computer steht dieser Alois Hingerl sicher noch nicht. Und den Schlüssel zum Archiv hat St. Petrus immer bei sich. Ich rufe zurück.“

Schon nach einigen Minuten piepste Gabriels Handy Händels Halleluja. „Hallo, Du bist es selber Petrus. Das ist ja gut.“ – „Ich musste im Archiv nachsehen. Aber jetzt erinnere ich mich wieder. Engel Aloisius. Ein Münchner Original, der absolut nicht frohlocken wollte. Brüllte immer: Luja sog i! Und von der himmlischen Hausordnung hielt er gar nichts. Das ging natürlich nicht. Deswegen hat ihn der Herr mit seinen göttlichen Ratschlüssen nach München geschickt. Seither ist er vermisst.“ -  „Der sitzt seit hundert Jahren im Münchner Hofbräuhaus und konsumiert jeden Tag Bier und Weisswürste.“ -  „Das wird ja wieder eine Rechnung geben“, befürchtete St. Petrus. – „Allein im Februar, zeigen Sie doch mal die Rechnung Frau Kathi“, wandte Gabriel sich an die Kellnerin. „Allein im Februar 345 Euro. Und ähnlich wohl die ganzen hundert Jahre, auf heutigen Geldwert berechnet.“ – „Moment das haben wir gleich, tja wenn wir nicht kleinlich sind macht das eine halbe Million Euro. Stellen Sie einen Check aus, ich will dafür sorgen, dass wir den Kredit erhalten. Der Heilige Florian wird gar nicht begeistert sein.“ Der war im Himmel Finanzchef geworden, wohl wegen der Redensart „Verschon mein Haus, zünd lieber andere an“. In bezug auf Finanzen heisst das: „Spar nicht bei uns, spar lieber woanders.“ Gabriel zückte das Checkbuch und überreichte der verdutzten Kathi einen Check von einer halben Million Euro. „Der Himmel hat noch immer seine Schulden bezahlt“, erklärte er dazu. „Sollte das nicht reichen, schicken Sie mir ein Mail: Erzengel.Gabriel@himmel.com. Aber dann bitte eine detaillierte Abrechnung.“

 Dann schleppte Gabriel den Aloisius in den Himmel. Zitternd und bebend sank dieser vor St. Petrus auf die Knie. „I bitt’ schön um Verzeihung Herr St. Petrus. I hob gar net g’merkt wie die ganze Zeit verging. Sie sagten ja selber, wir leben hier zeitlos. Schicken’s mi net in die Hölle, i bitt’ schön.“ – „Dazu besteht kein Grund“, sagte St. Petrus. „Aber ungeschoren davonkommen sollst Du auch nicht. Eine halbe Million Euro verplempern, wo wir hier doch auch sparen müssen! Wir haben uns etwas Spezielles für dich ausgedacht.“ -  „Der Herr ist gnädig“, meinte Engel Gabriel.

 St. Petrus führte Aloisius zu einer Wolke. Darauf stand ein Labtop. „Was is dös für a Kistn? „ fragte dieser. „Du bist hier in der Abteilung für Computertechnik“, erklärte St. Petrus. „Das ist ein Computer, eine Maschine die Informationen speichert und verarbeitet.“ – „A Maschin, i bin doch ka Ingscheniör“, meinte Aloisius. „Stell dich nicht dümmer als du bist“, sagte Petrus streng. „Das begreift heute jeder. Nachher kommt ein Engel aus der technischen Abteilung vorbei und erklärt Dir wie es funktioniert. Nachher fliegst Du mit diesem Labtop nach Berlin und bekommst dort jeden Tag ein Mail mit göttlichen Ratschlägen. Diese schickst Du dann weiter an die Berliner Minister.“ – „Nach Berlin soll i, nach Breissn!“ rief Aloisius entsetzt aus. „Dös ist a harte Straf.“ – „Tja, Strafe muss sein“, meinte Petrus. „Und wie lang muas i dort bleibn?“ fragte Aloisius beklommen. „Solange die Regierung Schröder besteht“, erklärte Petrus. „Wenn du Glück hast dauert das ungefähr drei Jahre. Nachher sehen wir weiter, es hängt davon ab, wer dann gewählt wird.“

 Als Frau Merkel an die Macht kam befahl Petrus im dem Aloisius, die Briefe mit göttlichen Ratschlägen für sie zu schreiben. Man war im Himmel allgemein der Ansicht, sie hätte das noch nötiger als Schröder. Das war für Aloisius von Anfang an eine noch schärfere Strafe, denn als altmodischer Münchner hielt er nichts von „Weiberleit in der Politik“. Hinzu kam zu der himmlischen Strafe noch eine ziemlich höllische Komponente. Frau Merkel löschte die sorgfältig geschriebene E-Post nämlich immer ohne sie zu lesen und später stellte sie das Programm so ein, dass die Nachrichten von Aloisius im Spam-Ordner landeten. Auch wenn  Aloisius immer wieder die Mailadresse änderte - Spam-Ordner! Er schimpfte natürlich deftig über die „Trutschn“  und ihre Politik mit den Jahren immer mehr für „a Schmarrn, a miserabliger“ hielt und ihre Minister für „foische Fufzga“, „Hallodri“ oder „Watschng´sichter“ und die Ministerinnen  für „depperte Weibsbilder“ oder „Grampfhenna“.  Aber die ganze bayrische Schimpferei nützte ihm nichts und auch nicht einige Bittbriefe an den St. Petrus, man möge ihn doch bittschön von dieser „Sisypussi-Arbeit“ befreien. Petrus kam sogar bei solchen Gelegenheiten sogar vorbei, und erklärte, es müsse ihm auch nicht besser ergehen als seinen lebenden Landsleuten. „Aber was konn´i dafür, wenn die Saubreißen und Deppen die immer wieder wählen“. – „Nichts“, meinte Petrus, „aber 70 Prozent der Wahlbürger haben 2017 auch nicht die CDU gewählt und haben Frau Merkel nun doch am Hals.“ So erlebt der arme Aloisius einen Dauerfrust. Deswegen hofft er sehr, dass dieses Jahr ein Kanzler gewählt wird, der sich für göttliche Ratschläge interessiert.