Regula Heinzelmann

 Dezember 2018

 Der Brunsli-Mord

 Grossmutti Elisabeth Voglhuber-Vischer war am Backen, passend hatte sie eine CD mit Weihnachtsliedern aufgelegt. Sie knetete gerade den Teig für ihre berühmten Basler-Brunsli, die man im Verwandten und Bekanntenkreis sehr schätzte. Nein, das bedeutet nicht das, was man sich dabei denken könnte. Das Wort kommt von „brun“, baseldeutsch braun – wie Schokolade, mit Politik hat das nicht das mindeste zu tun. Das Gebäck besteht aus Zucker, Mandeln, Eiern, Schokolade und einem guten Schuss Kirsch. Wer es original machen will, raspelt die Schokolade. Elisabeth benützte Kakaopulver. Aber sonst hielt sie sich an das alte Rezept von ihrer Familie aus dem Basler „Daig“, wie sich die vornehmen Basler nennen. Vischer mit V, darauf legt man Wert.

 Die CD spielte gerade „oh du fröhliche“ als es an der Tür klingelte. Elisabeth wischte sich kurz die Hände ab, ging zur Tür, öffnete – darauf knallte ein Schuss. Volltreffer in die Stirn. Die Tür wurde zugeschlagen, im Hintergrund erklang „stille Nacht, heilige Nacht.“

 Nachbarn hatten den Schuss gehört und riefen die Polizei. Paul Maier von der Kantonspolizei Basel war ziemlich rasch da, im Hintergrund spielte sogar noch die CD „Leise rieselt der Schnee“. Die Tote lag neben der Tür. Er untersuchte sie, entdeckte den Brunsliteig an ihren Händen. Nachher sah er sich im Haus um. Da war nichts Auffälliges zu entdecken, es war eine geschmackvoll eingerichtete kleine Villa. Im Schreibtisch fand Maier sorgfältig geordnet die Familienpapiere und ein Testament. Er nahm die Unterlagen mit. Die Elektronikfirma „Voglhuber GmbH“ war ihm ein Begriff.

 Polizistin Ursula Fischer (mit F) befragte inzwischen die Nachbarn. Einer hatte eine ältere Dame gesehen, die nach dem Schuss den Garten des Voglhuber-Hauses verliess. „Wie eine Mörderin sah die aber nicht aus, die ist eine Dame, dezent und vornehm. Sie schien etwas aufgeregt, vielleicht hat sie die Tote gefunden oder gar den Mord beobachtet und war darüber schockiert.“ Ursula Fischer liess sich eine Beschreibung der Dame geben und ein Phantombild anfertigen.

 Zurück im Büro erzählte Maier seinen Kollegen von dem Mord. Man recherchierte über die Firma Voglhuber GmbH und die Verwandtschaft. Der Sohn von Gustav und Elisabeth Voglhuber, Max Voglhuber, hatte nach dem Tod von Gustav Voglhuber die Leitung übernommen. Die Tochter Helene Voglhuber-Maier war mit einem erfolgreichen Geschäftsmann verheiratet, der aber einen eigenen gutgehenden Betrieb hatte. Die meisten Enkel der Ermordeten gingen noch zur Schule oder studierten. Nur der älteste Sohn von Max Voglhuber, der Hans Voglhuber, aber allgemein Johny genannt, galt als schwarzes Schaf und war sogar wegen kleinerer Drogendelikte vorbestraft, auch über Spielschulden gab es ein Vermerk in den Akten.

 Am anderen Morgen war Paul Maier sehr erstaunt als die Familie Vischer-Voglhuber vor seiner Bürotür wartete. Sogar die Schwester der Ermordeten, Helene Vischer-Sarasin war mit von ihrem Feriensitz in Graubünden nach Basel gefahren. „Die Familie hält zusammen in solchen Situationen“, erklärte man. Nun, das war für Maier natürlich sehr praktisch. Er drückte erst einmal sein Beileid aus und entschloss sich nachher, alle Familienmitglieder einzeln zu befragen.

 Maier begann mit der Schwester. „Das ist ja furchtbar“, meinte diese. „Unser Bethli, so grausam ermordet. Wer hätte das erwartet, sie war doch immer die Beliebteste aus unserer Familie, in der Jugend auch die Schönste. Einige gute Partien hätte sie machen können. Stattdessen hätte sie sich in Gustav Voglhuber verliebt, der in unserem Haus etwas reparierte. Es war in der Adventszeit, sie war gerade am Brunsli backen, das was damals schon ihre Spezialität. Sie bot Gustav einige an, da muss es gleich gefunkt haben. Zwei Monate später war sie schwanger, 1957 noch ein Skandal. Vater befahl die Heirat, Mutter passte das nicht so recht. Sie hätte lieber die Schwangerschaft vertuscht und wollte Bethli dazu überreden, doch noch rasch eine gute Partie zu machen. Dazu war Voglhuber ein Bayer, das gefiel Bethlis Mutter auch nicht, sie hatte da gewisse Ressentiments vom Krieg her. Voglhuber bekam später das Schweizer Bürgerrecht. Aber Bethlis Vater hat einen solchen Betrug abgelehnt und Bethli stand zu ihrem Gustav. Vater meinte, ein ehrlicher Handwerker sei ihm lieber als ein reiches Vatersöhnchen. Er hat dann dem Gustav Kapital zur Verfügung gestellt, um sich selbstständig zu machen. Tüchtig war der Gustav und die Ehe war glücklich, was will man mehr.“ -  „Ja, Sie können stolz auf Ihren Schwager sein“, meinte Velmond, „er hat eine erstklassige Firma aufgebaut. Und Sie? Haben Sie eine gute Partie gemacht. Das Bankhaus Sarasin ja ein Begriff.“ - „Mit der Bank hatte mein Mann nicht direkt etwas zu tun“, erklärte Helene. „Aber eine gute Partie war er und unsere beiderseitigen Eltern wünschten diese Heirat. Mit Hans war ich von Jugend an befreundet, keine grosse Liebe, aber Sympathie und gegenseitiger Respekt. Ich wollte meine Eltern nicht auch noch enttäuschen. Meine Ehe wurde dann auch gut, ich kann mich nicht beklagen.“

 Maier legte Helene das Phantombild der älteren Dame vor, die eventuell eine Zeugin des Mordes gewesen war. Er erkannte, dass sie leicht verwirrt war. „Die sieht ja aus wie unsere Cousine Melanie Vischer, Tochter einer Schwester unserer Mutter. Was tat die denn gestern bei Bethli und warum ist sie jetzt nicht hier? Ich habe gestern noch versucht, sie zu erreichen, zuhause war sie nicht und sie hatte das Handy abgestellt. Sie muss ja völlig schockiert gewesen sein, als sie Bethli tot fand.“ – „Wissen Sie, wo sie sein könnte?“ erkundigte sich Velmond. „Leider habe ich keine Ahnung.“ – „Was war oder ist sie denn von Beruf?“ fragte Velmond. „Krankenschwester, das betrachteten ihre Eltern keineswegs als standesgemässe Tätigkeit. Es wäre ihnen lieber gewesen, sie hätte geheiratet, eine gute Partie natürlich. Aber Melanie hat sich immer geweigert zu heiraten, warum weiss man nicht. Sie war eine gute Krankenschwester, wurde von den Patienten sehr gelobt für ihre Freundlichkeit und Geduld, aber jetzt schon pensioniert.“

 Inzwischen hatte Maier einige andere Familienmitglieder befragt. Die Befragung hatte nichts besonders ergeben, alle hatten ein Alibi, das sich als einwandfrei erwies. Auch von den anderen wurde das Phantombild erkannt und alle bestätigten, dass es sich wohl um Melanie Vischer handelte. Aber erreichbar war sie auch für die anderen Angehörigen nicht gewesen. Das schwarze Schaf „Johny“ Voglhuber hatte Maier für den Schluss aufgehoben.

 Nach einer kurzen Besprechung mit Velmond rief Maier Johny hinein. „Bitte nennen Sie mich Johny“, sagte dieser gleich, nachdem er Platz genommen hatte. „Herr Voglhuber klingt so spiessig. – Ich bin ja wohl der Hauptverdächtige und Alibi hab´ ich auch keins, zu der Zeit bin ich nämlich durch die Stadt gefahren.“ – „Hätten Sie denn einen Grund. Ihre Grossmutter umzubringen?“ fragte Maier. „Nein, im Gegenteil, ich finde das eine schlimme Geschichte mit dem Mord. Grossmutter hat immer zu mir gehalten, auch als ich wegen Drogenbesitz bestraft wurde. Sie hat mir erklärt, dass ich fachliche Hilfe brauche, sie würde mir die finanzieren, wenn ich durchhalte. Und nachher dafür sorgen, dass ich einen Job in der Firma kriege, wenn ich es schaffe, und das Versprechen hat sie auch gehalten. Ich hab aufgehört mit den Drogen und spiele auch nicht mehr, höchstens mal Poker, aber nur um eine Runde Bier.“ Johny wirkte in seiner Offenheit sehr sympathisch, aber gerade deswegen war Maier misstrauisch. „Wollten Sie denn Weihnachten feiern mit Ihrer Grossmutter?“ fragte er. „Ja klar, da kam ja immer die ganze Family zu ihr. Wir hatten immer eine traditionelle Feier mit Baum und Liedern und Weihnachtsgeschichte. Das glauben Sie vielleicht nicht, aber ich fand das immer schön. Sie hat auch gekocht, Roastbeef und Brunsli zum Kaffee. Das war ihre Spezialität, ich konnte davon nicht genug kriegen, tragisch dass sie gleich beim Brunslibacken…“ – „Und die anderen Verwandten mochten Brunsli auch?“ – „Ja, alle ausser Tante Melanie, die liebte Brunsli wohl nicht. Sie hat immer drauf rumkaut mit einem verbissenen Gesicht, aber die anderen haben das wohl nicht so beobachtet.“

 Maier stutzte, aber ein ungeliebtes Weihnachtsgebäck war für eine Dame wie Melanie Vischer sicher kein Mordmotiv. „Und sonst, wie hat sich ihre Tante Melanie mit ihrer Grossmutter verstanden?“ – „Sie war etwas distanziert, aber sie hat wohl selten irgendwem ihre Gefühle gezeigt, aber sie war immer höflich, zu allen. Sie verdächtigen sie doch nicht etwa, das wär sicher die letzte, die einen Mord begeht.“ – „Könnte sie denn umgehen mit einer Pistole?“ fragte Maier. „Das kann ich mir kaum vorstellen… Es wird ja doch auskommen, sie war mal im Militär, im Frauenhilfsdienst, aber in der Sanität. Sie wollte ihre Eltern überzeugen, dass sie das kann, die waren dagegen, dass sie Krankenschwester wird, komische Ansichten hatten die.“

 Nach dem Gespräch mit Johny ordnete Maier eine Fahndung nach Melanie Vischer an. Man fand sie beim Kofferpacken im Motel ONE in Zürich, man transportierte sie schnell nach Basel. Als er die alte Dame begrüsste, konnte Maier sich wirklich kaum vorstellen, dass sie zu einem Mord fähig wäre, so vornehm wirkte sie. Sie bestand darauf, dass er sie „Fräulein“ nannte. „Ich war nie verheiratet und werde es auch nie sein und ich bin eine geborene Vischer, das soll man wissen“, erklärte sie. Nach einigen einleitenden Worten fragte Maier sie nach ihrem Besuch bei der Ermordeten. „Nun ja, ich fand sie tot neben der Tür“, antwortete sie, es klang wie vorbereitet. „Da bin ich so erschrocken, dass ich nur noch weg wollte.“ – „Warum haben Sie nicht die Polizei gerufen?“ – „Ich sagte ja, ich war schockiert, daran habe ich nicht mal gedacht.“ –„Und was wollten Sie in Zürich?“ fragte Maier. „Nun, ich wollte nur noch weg, am liebsten ins Ausland.“

 Nach einer kleinen Pause fragte Maier, warum sie nie verheiratet gewesen war. Damit hatte er ins Schwarze getroffen, er konnte erkennen, wie sie innerlich zusammenbrach. „Weil, weil …“, stotterte sie, „der Gustav meine grosse Liebe war.“ – „Der Mann ihrer Schwester?“ – „Ja, er kam auch zu uns nach Hause als Elektriker, wir hatten damals einige Reparaturen. Er war so ein attraktiver Bursche, ich war gleich verliebt.“ – „Wussten er und ihre Cousine das?“ – „Aber nein, ich habe ihn nur aus der Ferne bewundert, darüber zu sprechen, traute ich mich doch nicht. Er war nett zu mir, aber mehr nicht. Damals hiess es, ein Mädchen läuft keinem Mann nach und eine Vischer hat das schon gar nicht nötig. Ich habe nie mit jemandem darüber gesprochen, Sie sind der erste, der es erfährt.“ – „Das war aber sicher schwer für Sie.“ – „Ja natürlich, meine Cousine, das Bethli hat mir die Geschichte bald anvertraut, wir waren gute Freundinnen damals. Sie erzählte mir, wie sie beim Brunslibacken…“ – „Aha, und an Weihnachten kam dann wohl immer diese Erinnerung.“ Melanie hatte Tränen in den Augen. „Ja, jede Weihnacht bei Bethli Brunsli essen, ich habe es einfach nicht mehr ertragen. Deswegen habe ich sie besucht und wie immer die Pistole mitgenommen. Schliesslich lebt man als alte Frau hier in Basel nicht mehr ganz ungefährlich“, meinte sie in beinahe trotzigem Ton. „Woher haben Sie die Pistole“, erkundigte sich Maier. „Die Pistole besitze ich völlig legal, ich war im Frauenhilfsdienst im Schweizer Militär, da habe ich schiessen gelernt, und nachher im Schützenverein. Aber von meiner Familie weiss das nicht jeder. Ich wollte Bethli doch nicht töten, ich wollte ihr nur endlich von meiner Liebe zu Gustav erzählen und erklären, dass ich diese Weihnacht nicht zur Familienfeier komme. Aber als ich sie dann sah, die Hände voller Brunsliteig, da kam es über mich. Ich konnte nicht mehr reden, nur noch schiessen.“